A writer’s mind

Erotik findet im Kopf statt

Verfasst von: ish in: 31. März 2008

Üblicherweise verbindet unsere visuell orientierte Kultur mit Erotik Bilder, in meiner Heimatstadt gibt es auch ein Erotic Art Museum, auch wenn die meisten der Exponate für mich weniger mit Erotik zu tun haben und mehr mit Zeitgeschichte und Moral (ein paar Beispielexponate gibt’s auf der Website). Aber das ist eben auch genau der Punkt, den ich meine. Nackte Haut oder Fetischszenen, ein erigierter Penis oder die Reizwäsche machen entgegen landläufiger Meinung noch lange keine Erotik.

Ich befasse mich gerade intensiv mit dem Schreiben von „adult fiction„, und muss sagen, das gehört zum Schwersten das ich mir je vorgenommen habe.

Es ist eine Herausforderung, Texte zu schreiben, die tatsächlich das Kribbeln auf der Haut entstehen lassen, Sinnlichkeit und Lust vermitteln, ohne sofort von banalisierenden Ausdrücken auf den quasi-pornographischen Boden der Tatsachen geholt zu werden. Es ist aber auch ein spannendes und (pun intended) befriedigendes Abenteuer – nicht nur dass man die Klischees im eigenen Kopf neu überprüfen, oder den eigenen Wortschatz erheblich erweitern muss, Erotik zu schreiben ist eine Kunstform für sich, die ich gerade erst für mich entdecke. Leider gibt es nur wenige gute Beispiele in der Literatur, abgesehen von den (handwerklich streckenweise maßlos gut gemachten) in billige bunte Pappeinbände verpackten Softpornos, die an Kiosken als Frauenromane über die Ladentheke gehen.

(Über die Kunst dieser spezifischen Form des Pulp-Liebesromans schreibe ich ein anderes Mal).

Ich bin gespannt wohin mich dieses Projekt führen wird. Als nächstes steht erst einmal das Buch Erotik schreiben. Mit anregenden Beispielen aus der modernen Literatur auf der Leseliste.

Erotik zu schreiben hat etwas Anrüchiges, Verbotenes, das ist Teil des Kicks. Was verboten ist, definiert der gesellschaftliche und/oder religiöse Kontext, innerhalb dessen man schreibt. In Ländern wie Singapur, Malaysia, und in einigen Bundesstaaten der USA ist simpler heterosexueller Oralsex bereits ein Verstoss gegen Gottes Weltordnung und tabu, ja eine Straftat. Was verboten ist, oder worüber „man“ nicht spricht, ist aber auch das, was die Phantasie besonders anheizt.

Erotik schreiben ist eine Gratwanderung, zwischen vorsichtiger Formulierung und marktschreierischem Exhibitionismus, zwischen den eigenen Überzeugungen und Phantasien und denen der Leser, eine bewusste, gewollte Grenzüberschreitung, die dennoch mit zarter Hand geschehen muss, soll sie den anderen in die verführerische Falle locken. Eins der schönsten Beispiele erotischer Literatur ist für mich C.L. Moore’s Shambleau, dessen schwüle erotische Atmosphäre auch ein Kult-Comic wie Jean-Claude Forests Umsetzung der Geschichte nicht einmal im Ansatz treffen kann.

Die Bilder die im Kopf entstehen beim Lesen, wenn der Text nur wirklich gut ist, kann kein Regisseur und kein Zeichner der Welt so hinbekommen, dass sie die Leidenschaft des Rezipienten anfachen, immer wird ein störendes Element bleiben – es ist und bleibt so, die erotische Reaktion findet in unserem Kopf und in unseren Nervenbahnen statt. Insofern ist ein guter Text schon immer, selbst wenn er nicht erotisch ist, das perfekte Kopfkino.

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1 Antwort zu "Erotik findet im Kopf statt"

Sehr interessanter Artikel. Bei den vielen verschiedenen Sprachen und Gesetzen halte ich es für recht schwierig, dass man viele Menschen mit den Worten erreicht. In der eigenen Muttersprache können sicher die meisten besser schreiben als in Englisch. Aber schreibt man nicht in englischer Sprache, dann lesen es auch nicht so viele (wenn man nicht gerade ein erfolgreiches Buch schreibt, das von anderen übersetzt wird). Und schreibt man in Englisch, dann muss man die Sprache schon sehr gut niederschreiben können um Details beschreiben zu können. Das ist wohl der Grund, wieso bildliche Darstellung weltweit besser funktioniert und man leichter Zugang zu den Menschen findet.

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