Verfasst von: ish in: 13. Oktober 2008
TV geht grösstenteils an mir vorbei – ganz besonders sogenannte Unterhaltungssendungen. Ich wüsste keinen Grund mir sowas wie die Verleihung von Bambis oder anderen Fernsehpreisen, egal wo sie herkommen, anzusehen – da zeichnen sich sowieso immer nur dieselben paar Nasen gegenseitig aus, und es werden vielleicht noch Filme hochgelobt die ich als Steuerzahlerin mit Filmförderung und als Gebührenzahlerin mit GEZ finanziert habe und die dennoch selten wichtig aufregend oder interessant sind. Da werden schlecht aus dem Ausland abgekupferte Formate mit unsäglich dämlichen Haupt Selbstdarstellern gelobt – wtf?
Interessieren tun mich maximal gut gemachte Serien, die es auf dem deutschen Markt ohnehin nicht gibt – wegen ihres Storytelling und ihrer Charaktere – und da bevorzuge ich seit langem den englischen O-Ton, auch hier kann deutsches TV nicht punkten.
TV-News beschränken sich auf den Tagesschau-Satzbaukasten und Verlautbarungsjournalismus, die Glotze ist mehr denn je ein Verdummungsinstrument und das TV-Wesen eine selbstbedienende Kommerzmaschine. Fernsehen? Was ist das?
Die einzige Sendung (die sich mit Büchern befasst), die ich regelmässig schaue, ist Was Liest Du mit Jürgen von der Lippe, weil dort unbelastet von Verlagspromo und Bestsellerlisten mit Spaß an der Freud Bücher vorgetragen werden, an denen Gastgeber und Gast sich erfreut haben – und diese Begeisterung auch dem Zuschauer vermitteln, da muss kein literaturwissenschaftlicher Diskurs, kein Gutmenschentum durchblinken, da steht das Werk für sich.
Und dann schlägt plötzlich das Nachrichtenwesen hohe Wellen, weil, o Schreck, ein Marcel Reich-Ranicki vor laufenden Kameras keinen Bock hatte sich als Aushängefigur für den Schmäh herzugeben, den die versammelte angebliche Fernsehelite präsentierte, und der Aufschrei ist laut und die Empörung in verschiedenen Richtungen gross.
Zwischen „Eklat“ und „grosses Kino“ bewegen sich die Reaktionen. Und ich denke immer noch, wtf?
In der FAZ kann man lesen
ZDF-Intendant Markus Schächter nannte den Auftritt Reich-Ranickis in der Nacht zu Sonntag eine „Sternstunde“ des Fernsehens, der ehemalige RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma bezeichnete das Geschehen als „pure Comedy“.
Ich weiss nicht welche Reaktion ich peinlicher finde… den ZDF-Fatzke der den Schlag ins Gesicht in einen Sieg des zu Recht kritisierten Mediums umdeutelt, oder Thoma, der die Frechheit hat MRR einfach nicht ernst zu nehmen.
Die für mich bislang interessanteste Reaktion kam von Elke Heidenreich – die, so ihr Kommentar in der FAZ – ohnehin nur da war um MRR die Ehre zu erweisen (und das lieber selbst getan hätte, zumal sie Thomas Gottschalk offensichtlich nicht mag, woraus sie so gar keinen Hehl macht). Nach :
Fahrt bitte einmal im Mai nach Hamburg zum Henri Nannen Preis und lernt, wie die das machen – ein unterhaltender Abend für intelligente Menschen. Es ist möglich. Aber eben nicht bei ZDF, ARD, Sat 1 und RTL. Und schon gar nicht mit Thomas Gottschalk.
sollte man sie aber nicht, wie sie selbst launig meint, rausschmeissen, ja sie schäme sich ohnehin des Senders und sei des Kampfes müde, nein liebe Frau Heidenreich: ziehen Sie doch bitte die Konsequenzen selbst. Dann bleibt diese Kritik nicht nur Lippenbekenntnis einer, die im öffentlich-rechtlichen Dudelfunk Geld verdient.
Richtig peinlich finde ich die Reaktion von Bastian Pastewka. Gut, man schlägt nicht die Hand die einen füttert, aber ein Satz wie „Marcel Reich-Ranicki hat unrecht.“ ist nicht bloss unreflektiert, sondern auch daneben. Reich-Ranicki hat eine Meinung, und auf die hat er ein Recht, ebenso auf die Meinungsfreiheit, und absolut darauf, diese Meinung, auch wenn sie manchen Leuten nicht passt oder diese nicht ihrer entspricht, öffentlich kund zu tun, zumal wenn er einer derjenigen ist die eingeladen sind und ausgezeichnet werden sollten.
Brav lobt der Mann da die Comedy-Kollegen Atze Schröder, Ingolf Lück, Ralf Schmitz – über deren Qualität man sich streiten kann und die sicher auch zu dem gehören was MRR als „Blödsinn“ tituliert hat – und wirft dem Literaturkritiker (dessen Literaturkritik mich noch nie die Bohne interessiert hat) dann vor, seine Kritik an dem grauenvollen Abend verunglimpfe die „Reporter aus Krisengebieten, die ihr Leben einsetzen, um über Unrecht in China, Pakistan oder unserem Land zu berichten“. Ich kann mich täuschen, aber ich glaube eine Ehrung solcher Dinge in einem Atemzug mit blödelnder Comedy und einer Auszeichnung von DSDS ist ehrenrühriger und armseliger für die Geehrten, als das was MRR von sich gegeben hat.
Im übrigen: egal welcher Meinung man über den Fernsehpreis oder das Fernsehen an sich ist – wer einen 88jährigen Ehrengast mehrere Stunden wegen des dramaturgischen Effekts auf unbequemen Stühlen darben lässt, sollte erst mal Höflichkeit und Respekt vor dem Alter und Rücksicht lernen – bei aller inhaltlichen Auseinandersetzung: das hätte nicht sein müssen.
Ändern wird sich ohnehin nichts. Aber das deutsche GEZ-finanzierte Berufsintendantentum wird sich das Feigenblättchen der kritischen Diskussion über die Qualität des Fernsehens umhängen dürfen. Was ich mir wünsche: eine Dokusendung über das Einkommen (und die Kosten der Sendungen) von Günter Jauch, Thomas Gottschalk, Harald Schmidt, Johannes B. Kerner – und warum wir das finanzieren dürfen, statt diese Gelder in Qualitäts-TV zu stecken.
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