A writer’s mind

Dann geh doch zum Buchladen – Amazon und die Folgen

Verfasst von: ish in: 13. Juni 2009

Zwei Monate ist es jetzt her, dass ein Aufschrei durch die Webwelt ging, weil – offenbar durch einen technischen Glitch, Hacker, oder bodenlose Dummheit – bei Amazon.com Literatur zu Themen wie Homosexualität ganz plötzlich aus der Buchsuche verschwand. Wie viele andere auch habe ich das sehr skeptisch verfolgt.

Unter dem Artikel des Focus zum Thema las ich dann folgenden Kommentar:

Kommentar beim Focus zu Amazon-Zensur

Kommentar beim Focus zu Amazon-Zensur

Das Kommentieren von Kommentaren dieser Art ist im allgemeinen Lebenszeitvergeudung. Ich habe das Thema lieber erst mal sacken lassen, als mir klar wurde, dass ich das Problem auf drei Ebenen betrachten muss: Als Kunde, der Bücher kaufen möchte; als Autorin bei der Suche nach Material / Recherche, und als Autorin die Bücher verkaufen will.

Fangen wir mal mit der Sicht eines Kunden an. Theoretisch macht es für mich keinen Unterschied ob ich ein Buch bei Amazon kaufe oder bei meinem lokalen Buchhandel. Immerhin habe ich einen Buchhandel um die Ecke, der ebenso fix von Libri beliefert wird wie ich per DHL von Amazon. Praktisch allerdings sieht die Sache ganz anders aus.

Praktisch bedeutet für mich Bücher kaufen vor allem erst mal mich über Bücher informieren und feststellen was es gibt – wenn ich die Chance habe, Rezensionen dazu zu lesen, um festzustellen ob ich bestimmte Lektüre tatsächlich kaufen will.

Beispiel Kochbücher: da gibt es gute, weniger gute… Ein Blick in die Kochbuchregale verschiedener kleiner und großer Buchhandlungen liefert mir immer und immer wieder dasselbe Material, das was von den großen Verlagen gerade angeboten und marketingtechnisch begleitet wird. Und ich kaufe meine Kochbücher meist lieber auf Englisch, aus vielen Gründen. Was mich zum zweiten Problem bringt – der Recherche.

  1. ist meine Buchhandlung kein Kochbuchexperte, ich dafür schon
  2. muss ich englischsprachige Titel dort mühsam ordern
  3. kann ich nur kaufen wovon ich weiss. Wenn ein Händler wie Amazon bestimmte Bücher nicht führt sind sie also für mich wie für den Markt quasi nicht existent.

Ausprobiert habe ich das am Beispiel Kochbücher über die Küche Malaysias und Singapurs. Egal welchen Web-Buchhändler oder welches Buchverzeichnis ich bemühe, es ist nur sehr wenig dazu zu finden. (Fündig geworden bin ich bei einem Asiatika-Buchspezialisten in Singapur, aber das nur am Rande).

So wie ich nicht weiss das bestimmte Bücher existieren, und ich darüber auch per Suchmaschine nichts finde, so weiss es auch der Buchhändler an der Ecke nicht (eher erst Recht nicht). Und der vielpostulierte Gang zum Buchhändler des Vertrauens setzt voraus dass man einen Buchhändler an der Ecke hat. In vielen Gegenden ist der nächste wirkliche Buchhändler nicht an der nächsten Ecke gelegen…

Es kommt nicht von ungefähr dass Amazon der grösste Online-Buchhändler ist – es ist ja nicht so dass andere es nicht ebenfalls versucht hätten. Aber wenn ich zu einem Thema recherchiere – egal welches – weiss ich dass ich irgendwo im Amazon-Universum fündig werde. (Ohne dafür erst eine Stunde Weg zu einem nicht im Thema steckenden Buchhandel anzutreten – auch meine Bibliothek kann ich online gegen bei Amazon recherchiertes abgleichen). Und in den Rezensionen, gerade bei Amazon.com, finde ich oft weiterführende Literaturtipps, ebenso in den Listen dazu passender / verbundener Literatur.

Ich kann mir Bücher auf Wunschzetteln merken (die man nicht nur zum Shoppen sonder auch als Referenzliste für Biblioheken u.a. benutzen kann), und mit einem Klick ist die Literatur unterwegs zu mir – wenn ich im Marketplace einkaufe auch oft zu Preisen, die mir der lokale Buchhändler nicht bieten kann. Bei aller Liebe für den Buchhandel: Material das ich ein- oder zweimal brauche kaufe ich schon immer antiquarisch, nicht erst seit es Web-Buchläden gibt. Dafür kaufe ich viele Bücher, und mein Buchumsatz ist mit Amazon eher gestiegen denn gesunken.

Wer einen bestimmten Buchtitel oder Literatur zu einem spezifischen  Thema sucht, stellt fest, dass Amazon sehr häufig unter den entsprechenden Suchmaschinen-Hits auftaucht. Ein Buch, das nicht bei Amazon gelistet bzw. In der Suche aufrufbar ist, auf Verdacht zu finden, selbst wenn man gezielt danach sucht, ist gar nicht so einfach – bis unmöglich.

Mit anderen Worten, eine ‘Zensur’ durch Amazon käme einer halben Auslöschung von Material zu einem bestimmten Thema  gleich.

Was mich zum dritten und letzten Punkt bringt.

Mir als Autorin kann es natürlich nicht egal sein, wenn mein Buch nicht gefunden, nicht rezipiert, und damit nicht gekauft wird. Meine Bücher verkaufen sich zu mindestens 50% über Online-Buchhändler.

Richtig ist, dass Amazon als Grossabnehmer bei den Verlagen die Preise massiv drückt und damit auch die Einnahmen der Autoren – das Problem habe ich aber auch bei grossen Buchketten wie Thalia, die vielerorts die lokalen Buchhändler nahezu komplett abgelöst haben. Und im Gegensatz zu Amazon stellen die nur ins Regal, wovon sie sich große Umsätze versprechen und wo die Verlage vielleicht noch ein wenig drauflegen für Ladenrenovierung, Displays… während Amazon und die anderen Online-Buchversender einfach nachordern und eben auch schon mal Bücher in Kleinauflagen ‘da’ haben. Und wenn der Kunde es sowieso bestellen muss… warum soll er dann vom Schreibtisch aufstehen und bis in die Stadt fahren?

Man kann über Amazon und seine Folgen  wirklich geteilter Meinung sein – aber als Leserin wie als Autorin (sowohl bei Recherche als auch Verkauf) geht für mich kein Weg an Amazon als Instrument vorbei. Was nicht bei Amazon gelistet ist, existiert effektiv nicht am Markt, weswegen “dann geht doch zum Buchhandel und kauft da” kein Lösungsansatz ist, wenn Amazon tatsächlich beschliessen sollte, ganze Themenkomplexe aus seiner Buchsuche auszusperren.

Bleibt zu hoffen dass es nicht dazu kommt.

1 Antwort zu "Dann geh doch zum Buchladen – Amazon und die Folgen"

Das kann ich unterschreiben. Wobei Du und der Autor dort oben auch zwei grundverschiedene Typen von Konsument seid (unterstelle ich einfach mal). ;-) Wenn jemand einfach nur ein Buch pro Monat rezipiert und sich an den aktuellen Lesercharts im Spiegel orientiert, wird den lokalen Händler als attraktive Alternative empfinden. Und von dieser Art Konsument gibt es sicher auch nicht soo wenige…

Ansonsten: Amazon ist natürlich genauso kritisch zu sehen wie Google, weil sie eine Quasimonopolstellung am Markt (gut, Amazon weniger) besitzen… wenn dort was geblockt wird, ist das für Autor wie Konsumenten kritisch. Oder am Beispiel von Zensur damals Flickr, wobei das wieder ein anderes Thema ist…

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